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Klassische Gedichte zum Geburtstag
Zum siebzigsten Geburtstag
Wer die Körner wollte zählen, die dem Stundenglas entrinnen, würde Zeit und Ziel verfehlen, solchem Strome nachzusinnen.
Auch vergehen uns die Gedanken, wenn wir in dein Leben schauen, freien Geist in Erdeschranken, freies Handeln und Vertrauen.
So entrinnen jeder Stunde fügsam glückliche Geschäfte. Segen dir von Mund zu Munde! Neuen Mut und frische Kräfte!
Johann Wolfgang von Goethe
Geburtstagsgruß
Ach, wie schön, daß Du geboren bist! Gratuliere uns, daß wir Dich haben, daß wir Deines Herzens gute Gaben oft genießen dürfen ohne List. Deine Mängel, Deine Fehler sind gegen das gewogen harmlos klein. Heut nach vierzig Jahren wirst du sein: immer noch ein Geburtstagskind. Möchtest Du: nie lange traurig oder krank sein. Und wenig Häßliches erfahren.- Deinen Eltern sagen wir unseren fröhlichen Dank dafür, daß sie Dich gebaren.
Gott bewinke Dir alle Deine Schritte; ja, das wünschen wir, Deine Freunde und darunter (bitte) Dein...............
Joachim Ringelnatz
Am Geburtstag
Es heißt wohl: Vierzig Jahr ein Mann! Doch mit vierzig fängt die Fünfzig an.
Es liegt die frische Morgenzeit im Dunkel unter mir so weit, dass ich erschrecke, wenn ein Strahl in diese Tiefe fällt einmal.
Schon weht ein Lüftchen von der Gruft, das bringt den Herbst-Resedaduft.
Theodor Storm
Dem Geburtstag
Von Osten will das holde Licht nun glänzend uns vereinen, und schönre Stunden fänd’ es nicht, als diesem Tag zu scheinen.
Vorüber führt ein herrliches Geschick, erhabne Helden, hochverehrte Frauen; nun fesselt uns das heut’gen Tages Glück, als bleibende dich unter uns zu schauen.
Soll auch das Wort sich hören lassen? Der Tag ist schön, der Raum ist klein; so mag die Inschrift kurz sich fassen: Ein Herz wie alle, sie sind dein.
Johann Wolfgang von Goethe
Jubelfeier
Der Mann bracht' es auf siebzig gar; das heißt: Von seinem siebenten Jahr hat all sein Wirken von Kind bis jetzt nur eine Null ihm zugesetzt.
Franz Grillparzer
Mit vierzig ist der Berg erstiegen, wir stehen still und schaun zurück, dort sehen wir der Kindheit stilles liegen und dort der Jugend lautes Glück.
Noch einmal schau, und dann gekräftigt weiter erhebe deinen Wanderstab! Hindehnt ein Bergesrücken sich ein breiter, und hier nicht, drüben gehts hinab.
Nicht atmend aufwärts brauchst du mehr zu steigen, die Ebne zieht von selbst dich fort; dann wird sie sich unmerklich neigen, und eh du's denkst, bist du im Port. Friedrich Rückert
Zum Geburtstag von Vater Ich habe heut wieder lange gebrütet Und nach Geburtstagsreimen gehetzt. Ich habe gediftelt. Ich habe gewütet. Und zuletzt das ganze Geschreibsel zerfetzt.
Da dacht ich, wie das so oft geht: Wenn Vater hinter Dir steht - Und er sieht Dich so krampfhaft dichten, dann sagt er: „Ach mach doch keine Geschichten!"
Und wir sprechen kein Wörtchen vom Geburtstag-Allerlei, von den Wünschen, die ich ihm niederschrieb. Wir küssen uns stumm und fühlen dabei - Wir haben einander so herzlich lieb. Joachim Ringelnatz
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